Vom Notstromlieferanten zum Energiepartner: Warum Rolls-Royce Power Systems vom Boom kritischer Infrastruktur profitiert
Die Anforderungen an eine zuverlässige Stromversorgung haben sich grundlegend verändert. Digitalisierung, künstliche Intelligenz und geopolitische Spannungen erhöhen den Druck auf Unternehmen und Betreiber kritischer Infrastruktur, Ausfälle praktisch auszuschließen. Gleichzeitig stößt der Netzausbau vielerorts an seine Grenzen. Von dieser Entwicklung profitiert insbesondere Rolls-Royce Power Systems, das sich in den vergangenen Jahren zu einem der weltweit führenden Anbieter von Lösungen für die sichere Energieversorgung entwickelt hat.
Das Unternehmen aus Friedrichshafen erzielt inzwischen mehr als die Hälfte seines Umsatzes im Bereich Energieversorgung. Besonders dynamisch wächst das Geschäft mit Notstromsystemen für Rechenzentren. Die Entwicklung spiegelt sich auch in den Geschäftszahlen wider. Nach einem bereinigten Umsatz von 5,05 Milliarden Euro im Jahr 2024 steigerte Rolls-Royce Power Systems den Erlös 2025 auf 5,72 Milliarden Euro. Der operative Gewinn erhöhte sich auf knapp eine Milliarde Euro, der Auftragseingang überschritt die Marke von sieben Milliarden Euro. Innerhalb von drei Jahren verdreifachte sich der absolute Gewinn, während sich der Cashflow nahezu vervierfachte.
CEO Jörg Stratmann sieht darin eine Folge des grundlegenden Wandels im Unternehmen. „Inzwischen erwirtschaften wir aber in der Division Power Systems mehr als die Hälfte des Umsatzes mit dem Bereich Energieversorgung.“
Rechenzentren treiben den Markt
Der wichtigste Wachstumstreiber sind Rechenzentren. Ihr Energiebedarf steigt mit dem Boom der künstlichen Intelligenz rasant, gleichzeitig akzeptieren Betreiber praktisch keine Unterbrechungen der Stromversorgung. Gefordert wird eine Verfügbarkeit von 99,999 Prozent, das sogenannte „Five-Nine“-Niveau. Rechnerisch sind damit weniger als fünf Minuten Stromausfall pro Jahr zulässig.
Gerade beim Training großer KI-Modelle können bereits kurze Unterbrechungen erhebliche wirtschaftliche Folgen haben. Entsprechend investieren Betreiber massiv in redundante Energieversorgung. Allein die Anschlussanfragen neuer Rechenzentren summieren sich in Deutschland inzwischen auf rund 72 Gigawatt und liegen damit fast auf Höhe der gesamten deutschen Spitzenlast.
Hinzu kommt, dass die öffentliche Statistik die tatsächlichen Risiken vieler Unternehmen nur eingeschränkt widerspiegelt. Der international verwendete SAIDI-Index berücksichtigt lediglich Stromausfälle von mehr als drei Minuten. Für hochautomatisierte Produktionsanlagen, Halbleiterfertigung, Krankenhäuser oder Rechenzentren können jedoch bereits Ausfälle im Sekundenbereich erhebliche Schäden verursachen.
Auch Daten des Uptime Institute unterstreichen die wirtschaftliche Bedeutung einer unterbrechungsfreien Stromversorgung. Mehr als die Hälfte der Unternehmen meldete in den vergangenen drei Jahren mindestens einen Ausfall im Rechenzentrum. Bei rund 70 Prozent dieser Vorfälle entstanden Schäden von mehr als 100.000 US-Dollar.
Sicherheit wird zum Investitionstreiber
Neben der steigenden Stromnachfrage erhöhen geopolitische Risiken den Bedarf an zusätzlicher Absicherung. Angriffe auf Energieinfrastruktur, Sabotageakte und Cyberbedrohungen haben die Sensibilität vieler Unternehmen deutlich verändert. Gleichzeitig verschärfen neue gesetzliche Vorgaben die Anforderungen an Betreiber kritischer Infrastrukturen.
Mit der überarbeiteten Norm EN 50600 gelten seit 2025 strengere Anforderungen an die Ausfallsicherheit von Rechenzentren. Hinzu kommen Vorgaben aus dem KRITIS-Dachgesetz sowie der europäischen NIS2-Richtlinie. Für viele Betreiber ist eine redundante Stromversorgung damit nicht mehr nur eine technische Vorsichtsmaßnahme, sondern regulatorische Voraussetzung.
Jörg Stratmann fordert darüber hinaus einen umfassenderen Blick auf die Versorgungssicherheit. „Nötig wäre aber ein richtiger Resilienz-Check für Deutschland: Was passiert eigentlich, wenn die zentrale Stromversorgung nicht mehr funktioniert? Haben wir ausreichend Backup-Lösungen? Können wir ausreichend Notstrom zur Verfügung stellen?“
Rolls-Royce Power Systems: Vom Dieselaggregat zum integrierten Energiesystem
Parallel zum Wachstum verändert sich auch das Produktportfolio. Längst beschränkt sich Rolls-Royce Power Systems nicht mehr auf klassische Notstromaggregate. Immer häufiger entstehen komplette Energieversorgungslösungen, die sowohl den laufenden Betrieb als auch die Absicherung gegen Netzausfälle übernehmen.
Dazu gehören modulare Gasmotorenkraftwerke, die zunächst die Stromversorgung neuer Standorte sicherstellen können und nach einem späteren Netzanschluss als Notstromreserve weitergenutzt werden. Gleichzeitig realisiert das Unternehmen erste Microgrids für Industriebetriebe. Die Kombination aus Photovoltaik, Batteriespeicher und Blockheizkraftwerk ermöglicht dabei eine weitgehende Unabhängigkeit vom öffentlichen Stromnetz.
Um die steigende Nachfrage bedienen zu können, erweitert Rolls-Royce Power Systems seine Produktionskapazitäten sowohl in Deutschland als auch in den USA. Am Standort Friedrichshafen entsteht ein neues Motorenwerk. Weltweit sollen zusätzlich rund 1.000 Mitarbeiter eingestellt werden, davon etwa 500 in Deutschland.
Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung, weiß Jörg Stratmann
Mit dem Wachstum steigen auch die Anforderungen an die Umweltbilanz. Deshalb entwickelt Rolls-Royce Power Systems seine Notstromsysteme konsequent weiter. Ende 2025 lieferte das Unternehmen erstmals Aggregate mit verifizierter Umweltproduktdeklaration an einen europäischen Rechenzentrumsbetreiber.
Die Systeme sind bereits für den Betrieb mit nachhaltigen Kraftstoffen wie HVO zugelassen. Dieser kann fossilen Diesel vollständig ersetzen, ohne technische Änderungen an den Anlagen vorzunehmen. In Verbindung mit moderner Abgasnachbehandlung lassen sich die Emissionen von Kohlendioxid, Stickstoffoxiden und Partikeln gegenüber herkömmlichem Diesel um mehr als 90 Prozent reduzieren.
Auch regulatorisch gewinnt dieser Aspekt an Bedeutung. Nach dem Energieeffizienzgesetz müssen neue Rechenzentren künftig einen Teil ihrer eingesetzten Energie wieder nutzbar machen. Dadurch rücken ganzheitliche Energiekonzepte zunehmend in den Mittelpunkt.
Blick auf den nächsten Wachstumsmarkt
Über die dezentrale Stromversorgung hinaus verfolgt der Konzern ein weiteres Zukunftsfeld: Small Modular Reactors (SMR). In Großbritannien wurden bereits Verträge für drei Anlagen geschlossen. Weitere Projekte laufen gemeinsam mit ČEZ in Tschechien sowie mit Vattenfall in Schweden. Die ersten Reaktoren sollen Anfang der 2030er Jahre in Betrieb gehen.
Für Rolls-Royce Power Systems sind die kleinen modularen Kernkraftwerke Teil einer langfristigen Strategie, verlässliche und CO₂-arme Grundlastenergie bereitzustellen. Nach Einschätzung des Unternehmens könnte der weltweite SMR-Markt bis 2050 ein Volumen von rund einer Billion US-Dollar erreichen.
Damit entwickelt sich Rolls-Royce Power Systems zunehmend vom klassischen Motorenhersteller zu einem Anbieter integrierter Energielösungen. Der anhaltende Ausbau von Rechenzentren, höhere Anforderungen an die Versorgungssicherheit und neue regulatorische Vorgaben schaffen dafür derzeit ein Marktumfeld, das dem Unternehmen weiteres Wachstum ermöglicht.
